Bilder von Birger Forell verfremdet

"Mein größter Fehler ist ein Herzfehler:
Ich habe ein zu großes Herz!
Ich will die ganze Welt darin haben und das glückt nicht so recht.
Ora pro mihi!"

Birger Forell hat im Deutschland der Nachkriegszeit mit Sicherheit vielen Flüchtlingen und Vertriebenen eine neue Zukunft ermöglicht. Doch auch heute noch stellt das Leben in der Fremde für viele Eingewanderte ein Problem dar. Unsere Gesellschaft wird immer mobiler oder wie die deutsche Politikerin Liselotte Funcke sich ausdrückte: "Das Jahrtausende währende Zeitalter der Seßhaftkeit wird mehr und mehr abgelöst von einem neuen Zeitalter der Wanderschaft."[81] Hierfür nennt sie verschiedene Gründe, unter anderem Flucht vor politischer und religiöser Verfolgung, Hunger, die "Freizügigkeit innerhalb supranationaler Zusammenschlüsse", und die gegenläufige demographische Entwicklung von Industriestaaten und Entwicklungsländern. Damals in Espelkamp war es oft auch eine Flucht zurück in eine alte Heimat, die den Menschen jedoch schon fremd geworden war.

Durch den Reichtum hierzulande angelockt, versuchen viele Auswanderer aus den Armutsgebieten hier ihr Glück zu finden, was ihnen aber durch verschärfte Einreisegesetze zunehmend erschwert wird. Es wäre sicher im Sinne Birger Forells, dass wir uns dieser Bedürftigen annehmen. Natürlich wäre es ebenso sinnvoll, das Übel bei der Wurzel zu packen und die Fluchtursachen direkt zu bekämpfen. Doch wie wir von Forell gelernt haben, fängt Hilfe schon im Kleinen an. Diese Hilfe darf aber nicht durch alte Ängste um Konkurrenz um Arbeitsplatz und Wohnung, wie sie oft bei einem großen Zuwachs an Fremden, verhindert werden. Dabei wird oft vergessen, dass vor über 60 Jahren schon einmal viele Millionen Menschen hier in den Westen kamen und Zuflucht suchten. Auch damals waren sie nicht immer gerne gesehen, doch nach und nach wuchsen sie zusammen und ermöglichten nicht zuletzt das deutsche Wirtschaftswunder um 1955. Gerade in unserer heutigen Zeit, in der die erwerbsfähige Bevölkerung immer mehr zurückgeht, kann es zu Engpässen im Wirtschaftsleben kommen, wenn wir nicht auch die Hilfe von Einwanderern annehmen.[82]

Diese Hilfe im Kleinen kann allerdings nicht Aufgabe der Politik sein, die nur für den Rahmen für das Zusammenleben von Einheimischen und Einwanderern zuständig ist. Die tatsächliche Integration ist Sache der Gesellschaft, jedes einzelnen Bürgers. In Espelkamp, der "Stadt Birger Forells" gab es vor einigen Jahren bereits Ansätze dazu. Hier hatte sich eine Arbeitsgemeinschaft der dortigen Martinsgemeinde für Asylbewerber gebildet, die Ausländer auf ihrem Gang zu den Behörden begleitete und ihnen beistanden, entweder indem sie sie über ihre Rechte aufklärten oder einfach nur durch ihre Präsenz.

Strassenschild Birger Forell

Nicht nur Ausländer, auch andere Randgruppen, wie etwa Arbeitslose oder Rentner, deren Rente kaum zum Überleben reicht, bedürfen unserer Hilfe. Dass das Andenken an Birger Forell in Espelkamp noch nicht vollkommen versiegt ist, zeigt die "Espelkamp-Lübbecker Tafel", bei der Hartz-IV-Empfänger für sehr wenig Geld Spenden aus Supermärkten und von Privatpersonen erhalten und die nur ein Beispiel von vielen ist. Wichtig ist dabei immer zu beachten: Es kommt nicht auf eine Lösung des Problems an. Die Not wird schon allein dadurch gelindert, dass man überall dort anpackt, wo man gebraucht wird, so wie Birger Forell es tat, und sich nicht durch die Größe des Problems abschrecken lässt.

Ebenfalls hat uns Birger Forell gezeigt, wie langfristig diese Hilfe sein kann. Die Muna-Gebäude, deren Sprengung er vor 60 Jahren verhinderte, stehen zum Teil heute noch. Sie sind immer noch ein Teil des Espelkamper Lebens. So haben auch wir zum Beispiel in einem Muna-Gebäude Musikunterricht erhalten oder unser Tier zum Tierarzt gebracht. Leider wurden einige Gebäude in letzter Zeit abgerissen, zum Beispiel das Espelkamp-Haus, in dem bis dahin die "Espelkamp-Lübbecker Tafel" untergebracht war.

In vielen Bereichen ist in Espelkamp die Geschichte noch lebendig. Gerade weil Birger Forell vielen verschiedenen Menschen in Espelkamp eine Heimat bieten konnte, ist Espelkamp zu einer Kleinstadt geworden, die den multikulturellen Charakter so mancher Großstadt hat. Auch die kirchliche Struktur hier würde Forell sicherlich gefallen, man hat das Gefühl kaum eine freikirchliche evangelische Konfession, sei hier nicht vertreten. Gerade in unserem Religionsunterricht, kann man immer wieder merken, welche Unterschiede es zwischen den Konfessionen gibt, aber ebenfalls wie gut die Schüler sich deswegen ergänzen. Einer Form der Ökumene, die sicherlich in Forells Sinne gewesen wäre.

Heute findet man Forells Spuren im Namen der evangelischen Birger-Forell-Realschule und in einem ihm gewidmetem Straßennamen. Trotzdem kann man nicht sagen, dass er seinem Wirken entsprechend verehrt wird oder wurde. Wir haben uns gefragt, warum dies so ist:

Als erstes haben wir unseren Blick auf die Heldenverehrung in Deutschland allgemein gewandt. Wir glauben, dass es seit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland schwer fällt, Menschen überschwänglich zu verehren, weil man Angst hat, dass dies mit chauvinistischem Nationalstolz verwechselt werden könnte. Aber gilt dies auch, wenn Forell Schwede war?

Dies führte uns zu unserem nächsten Gedanken. Vielleicht war man nicht so stolz auf ihn, gerade weil er einer anderen Nation angehörte, obwohl sein Engagement dadurch noch selbstloser ist.

Außerdem war seine Art zu helfen nicht so spektakulär wie die anderer Helden, wie zum Beispiel den Geschwistern Scholl oder Graf von Stauffenberg. Doch sind seine Taten weniger wert, nur weil sie nicht zu einem Kinodrehbuch taugen?

Letztendlich war diese geringe Verehrung Forell vielleicht sogar ganz recht, da er so bescheiden war, dass ihm den Vorschlag, das Gymnasium in Espelkamp nach ihm zu benennen, ablehnte und die Benennung der Realschule nach ihm nur widerstrebend annahm.

Wir haben während unserer Arbeit erkannt, dass es viele Helden gibt, von denen man überhaupt nicht weiß, dass sie existieren. Darum hoffen wir, dass wir mit diesem Projekt den Blick zumindest auf einen von ihnen lenken können.