Bilder von Birger Forell verfremdet

"Mein größter Fehler ist ein Herzfehler:
Ich habe ein zu großes Herz!
Ich will die ganze Welt darin haben und das glückt nicht so recht.
Ora pro mihi!"

Im folgenden haben wir hier 5 Kriterien ausgewählt, die unserer Meinung nach einen Helden ausmachen:

- Ein Held wird von einem Vorbild, bzw. von Idealen geleitet:
In seiner Jugend ist Forell fasziniert vom Ökumenegedanken Nathan Söderbloms. In diesem wünscht sich Söderblom die Vereinigung aller christlichen Subkonfessionen. Diese offene Sichtweise Söderbloms schärft auch Forells Blick für das Internationale. So entdeckt er den deutschen Theologen Rudolf Otto, dessen Buch "Das Heilige" ihn so sehr begeisterte, dass er beschloss, in Deutschland zu studieren, um mehr von seinem Vorbild zu lernen. Auf diese Weise gelangte er das allererste Mal nach Deutschland.

Diese Motivation findet sich bei Forell in erster Linie in seinem tiefen Glauben an Gott.

In seiner Predigt vom 26.04.1953 in Hagen unter dem Namen "Jubilate" spricht er von dem Sinn der Jüngerschaft Christi. Sein zentraler Bibelbezug dazu ist Johannes 15, 10-17: "Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebet". Für Forell ist es wichtig, dass wir als Menschen uns darüber klar werden, dass wir von Gott berufen wurden. Wir seien aus unserer normalen Welt herausgenommen, um Gott durch Jesus Christus zu dienen. Das heißt, als Christ hat man auch einen Auftrag, es wird etwas von einem erwartet. Darin sieht Forell eine Sinngebung des Lebens. Wenn man also in seiner Umgebung Leid sieht und Liebe und Hilfe geben kann, ist man verpflichtet, dies auch zu tun. Gerade in dieser Zeit der großen Not so vieler Menschen appelliert Forell diesen zu helfen, wie es für Christen Pflicht ist. Die Liebe Christi weiterzugeben, das ist für ihn die wahre Jüngerschaft. Nicht nur durch Worte, sondern vor allem durch Taten; es muss im Leben eines Christen "spürbar sein", dass er dieser Religion angehört. "Wenn unser Christenleben keine Frucht bringt, dann ist es mit uns. christl. Glauben nicht viel bewandt". Dies solle aber nicht bloß in Konferenzen, sondern im wahren Leben geschehen.

Weiteren Aufschluss über seine Motive gibt seine "Festpredigt" vom 25.09. 1955, die er in Köln für den CVJM hielt. Der Bibelspruch dieser Predigt stammt aus Matthäus 11, 28-30: "Jesus sprach: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir: denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht."

Forell sieht darin einen Aufruf an alle, zu Gott zu kommen, da jeder irgendwo Not leidet und Gott ihnen "dasjenige schenken (möchte), das wir uns selbst nicht geben können". Allerdings verlange er im Umkehrschluss dafür auch etwas: "Nur wenn wir bereit sind, sein Joch auf uns zu nehmen, etwas andere Menschen zu tun, können wir wirklich damit rechnen, auch Ruhe für uns. Seelen zu finden". Für einen Christen sei es selbstverständlich, dass er nach diesen Geboten lebt und die Lasten anderer auf sich nimmt, so wie es Jesus getan hat, um die Menschheit zu erlösen. Die Menschen sollen dafür danken, dass sie ihren Mitmenschen dienen dürfen. Gottes Joch sollen sie mit Freuden tragen, damit sie "seinen Frieden für Zeit und Ewigkeit gewinnen".

In seiner Trinitipredigt von 1944 heißt es außerdem "Nur im Glauben u. durch Glauben geschehen die Wunder in dies. Welt".

Hier zeigt Forell noch einmal ganz genau auf, wie wichtig der Glaube ist. Gott gibt so viel, aber wird ihm dafür auch ausreichend gedankt? Es wird hier ganz besonders deutlich, dass Forell daran glaubt, man könne gar nicht genug tun, um Gott für seine Barmherzigkeit zu danken.

Es sei wichtig "für andere da zu sein, sich selbst zu vergessen", sagt er in seiner Predigt, "wir haben keine Zeit zu hassen".

All dies bezeugt seinen tiefen Glauben an die Lehre Jesu Christi. Jedoch hat er diese nicht nur gepredigt, was viele tun, er hat sie gelebt, voll und ganz, so wie es nur sehr wenige von sich sagen können. Dafür hat er viel von seinem eigenen Leben aufgegeben, um anderen seine Nächstenliebe zu schenken. Allerdings forderte er nie von seinen Mitmenschen, dass sie sich auch zum Christentum bekehren. Allein die Hilfe zählte für ihn.[74]

- Ein Held folgt seinem Gewissen:
Nachdem Forell 1942 aus Berlin zurückkehrte, wurde er Pfarrer in der schwedischen Gemeinde Borås. Als er nur ein Jahr nach seinem Dienstantritt nach England geschickt wird, deuten sich schon erste Unruhen unter den Boråsern, die sowieso eigentlich lieber ihren Vikar im Amt gesehen hätten, an. Aus ihrer Sicht hielt sich Forell immer nur in England und Espelkamp auf und kam so seinen Pflichten in der Gemeinde nicht nach.[75]

Forell sagte später darüber:

"Ich hoffe, dass keines meiner Gemeindemitglieder es ernstlich bezweifelt hat, dass es richtig war, dass ihr Pastor so bald seinen Dienst in Borås wieder aufgab um diesen Auftrag zu übernehmen. Ich persönlich habe keinen Augenblick gezweifelt, dass die Hilfe, die Schweden und andere neutrale Länder den Kriegsgefangenen zukommen ließen, eine gebotene Pflicht war."[76]

Birger Forell hatte das Gefühl, dass die Menschen in den Kriegsgefangenenlagern und in Espelkamp ihn mehr brauchten, als die Menschen in seiner Gemeinde in Borås.

- Ein Held setzt sich über Widerstände hinweg:
Oft genug klagte Birger Forell über die Behörden im Nachkriegsdeutschland, deren bürokratische Mühlen für ihn unerträglich langsam mahlten. Nicht selten griff er daher selbst ein und sprach mit hochrangigen Politikern, wie etwa mit dem Oberkommandanten der britischen Besatzungszone General Bishop, als es um die Frage ging, was aus dem Munagelände in Espelkamp werden sollte, oder mit dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Lübke bezüglich der Ansiedlung der Flüchtlingsbauern.[77]

- Ein Held handelt trotz Kritik:
Forell stößt bei seiner Arbeit nicht immer auf Verständnis. Einem Kritiker, der ihm vorwarf, dass eine Ansiedlung aller Flüchtlingsbauern ein Ding der Unmöglichkeit sei, schrieb er beispielsweise: "Ihre Äußerungen scheinen mir auf dem Missverständnis zu beruhen, dass wir uns vorgenommen hätten, das Flüchtlingsproblem zu lösen. Wie Sie aus einem Abschnitt unserer Satzung [der "Deutsch-Schwedischen-Flüchtlingshilfe"] ersehen, wollen wir zusätzliche Hilfe zu der von der Bundesregierung, den Ländern und anderen Stellen schon geleisteten geben". Und an anderer Stelle schrieb er: "Wir können mit unseren geringen eigenen Kräften und Mitteln nur an besonderen Schwerpunkten die Verhältnisse unmittelbar beeinflussen [...] Wir haben allerdings dabei unter Beweis gestellt, dass die Siedlungsmöglichkeiten und die Eingliederung der vertriebenen Landwirte in viel größerem Maße vor sich gehen könnte, als die meisten Menschen wahrhaben wollen."[78] Der tschechische Dramatiker und Politiker Havel Václav wird später einmal sagen: "Die Hoffnung im Gegensatz zum Optimismus ist nicht die Erwartung, dass es gutgeht, sondern das Engagement in Gewissheit, dass es Sinn hat, egal wie es ausgeht." Diese Worte beschreiben auch sehr gut Forells Auffassung: Er war nicht so naiv zu glauben, dass alles wieder gut werden würde, stattdessen sah er in dem Einsatz für Hilfsbedürftige an sich, um die Not im Kleinen zu lindern, einen Sinn.

Er lässt sich auch 1953 nicht unterkriegen, als er auf eine vorzeitige Pensionierung drängt, um künftig ganz für seine Aufgaben in Deutschland dasein zu können. Nachdem man endlich eine passende Formulierung für den Grund seines vorzeitigen Ruhestandes gefunden hat, wird die Pension mit 12% Abzug bewilligt und das auch nur mit äußerster Überwindung, da man nicht bereit gewesen sei, ihm so weit entgegen zu kommen. Forell selbst ist entsetzt, dass sein Dienst im Ausland so herabgewürdigt wird, sieht es jedoch als den Preis für seine Hilfsbereitschaft an, den er bereit zu zahlen ist. Ein Freund von ihm, Bischof Cullberg, schreibt dazu: "Dass man deine Pension herabgesetzt hat, gehört zu dem Jämmerlichsten auf diesem Gebiet, aber man muss sich wohl an alles gewöhnen." Auch die Schwedische Kirchenhilfe weigert sich, den Restbetrag zu übernehmen. Forell nimmt dies eher gelassen. "Die Wege der Obrigkeit sind für uns arme Untertanen nicht immer leicht zu durchschauen. Es ist jedenfalls schön, zu wissen, dass die Sache entschieden ist und dass ich meine Arbeit fortsetzen kann."[79]

- Ein Held opfert sich für andere auf:
Immer wieder machte Forell in seinen Predigten deutlich, dass man Gott für seine Barmherzigkeit und Liebe danken und für andere da sein müsse. Während Forell sich in England und Deutschland für Gefangene und Vertriebene einsetzte, sah er seine Familie nur selten. Oftmals war er am Rande der Erschöpfung. In einem Tagebucheintrag während seiner Kriegsgefangenenarbeit in England, als er Tag für Tag unermüdlich in den Lagern herumfuhr und bis spät abends die Gefangenen betreute und ihnen Mut zusprach, schrieb er:

"Ich bin müde und darf nicht müde sein. Ich bin ausgearbeitet und muss doch weiter schuften." Und in einem Brief vom 25. Januar 1947:

"Ich fühle mich wie ein Mann, der in einem Dreieck eingespannt ist und von allen Seiten wird gezogen."

Trotzdem hörte er nicht auf und arbeitete weiter. Er gab viel von seinem eigenen Leben auf, um anderen seine Nächstenliebe zu schenken.

Ebenso ließ er sich nicht durch eigene Probleme abbringen: Während seiner Indienreise 1928 erhielt Forell die Botschaft, dass seine beiden kleinen Söhne kurz hintereinander gestorben waren. Er brach die Reise ab und kehrte nach Schweden zurück. Dieser Schicksalsschlag führte jedoch nicht dazu, dass sein Glauben schrumpfte und Forell sich verbittert zurückzog. Im Gegenteil, die Arbeit schien für ihn die beste Möglichkeit zu sein, mit der Trauer fertig zu werden und er setzte sich weiter unermüdlich für andere Menschen ein.[80]

Am Ende seines Lebens ist Forell schwer krank. Probleme mit seinem Herzen machen ihm schwer zu schaffen; man rät ihm, ein Krankenhaus aufzusuchen. Trotzdem lässt er sich nicht davon abbringen, weiterhin noch einige Wochen durch Schweden zu fahren und Spenden für die Flüchtlingsbauern in Deutschland zu sammeln, während er auf die nächste Untersuchung wartet. Obwohl ihm geraten wurde, sich zu schonen, treibt ihn sein Ehrgeiz zur Hilfe weiter an. Bis zu seinem Herzinfarkt am 4. Juli 1958 bleibt Birger Forell aktiv.




All das macht Birger Forell für uns zu einem Helden.