Bilder von Birger Forell verfremdet

"Mein größter Fehler ist ein Herzfehler:
Ich habe ein zu großes Herz!
Ich will die ganze Welt darin haben und das glückt nicht so recht.
Ora pro mihi!"

Prästen och Nazisten -

Birger Forells och Max Ilgners vänskap levde vidare i hakkorsets skugga"[**]

(Der Priester und der Nazi -

Birger Forells und Max Ilgners Freundschaft lebte weiter im Schatten des Hakenkreuzes)

Eine Zeitungsartikelüberschrift aus der Borås Tidning, 24.11.1996

Durch große Taten zeichnen sich viele Helden aus, aber dadurch, dass sie selber eine uneingeschränkte Sicht haben, wer neben ihnen ebenfalls zum Helden werden kann, nur wenige.

Birger Forells Toleranz und sein Glaube an die Menschheit, vor allen Dingen aber auch seine Standhaftigkeit Kritik, zeigen sich in einer Freundschaft, die in den deutschen Chroniken nur am Rande erwähnt wird und in der schwedischen Auffassung meist negativ gesehen oder völlig außer Acht gelassen wird. Gemeint ist Forells Freundschaft mit dem ehemaligen Kriegsverbrecher Max Ilgner.

Woran denkt man, wenn man so etwas hört? Ein Pastor, der in einem Land, aus dem er nicht einmal selber kommt und das auf brutalste Weise einen opferreichen Krieg begonnen hat, eine Heimat für Flüchtlinge aufbaut und sich als Helfer niemand anderen aussucht als jemanden, der für seine Vergehen in diesem Krieg verurteilt wurde.

Als wir bei unserer Arbeit am Wettbewerb zum ersten Mal auf Ilgner stießen, widersprachen sich auch bei uns die Bilder dieser beiden Männer. Allerdings weckte das ungleiche Pärchen unser Interesse, denn wie wir während der Recherche herausfanden, schienen wir, abgesehen von dem oben genannten Zeitungsartikel, die ersten zu sein, die sich mit der Beziehung dieser beiden historischen Figuren beschäftigten.

Als erstes sollte man wissen, um wen genau es sich bei Max Ilgner handelt.

Ilgner wurde 1889 in Biebesheim geboren. Als Sohn des Sekretariatsleiters der BASF war ihm seine Karriere in der Chemiebranche in die Wiege gelegt worden. Nach 5 Jahren in einer Offiziersschule, die in einem Einsatz kurz vor Ende des ersten Weltkriegs gipfelten, und einem Studium der Chemie, Hüttenkunde, Rechtswissenschaft und der Nationalökonomie, mit gleichzeitiger kaufmännischer Ausbildung, war Ilgner bereits 1925 Direktor des Chemieunternehmens Cassella. Als diese Firma kurz darauf im I.G. Farbenkonzern aufging, wurde Ilgner auch dort bereits nach 9 Jahren Geschäftsführer eines Werkes. Dieser wirtschaftliche Einfluss brachte ihm jedoch auch die zweifelhafte Ehre ein, dem sogenannten F- Kreis (später Teil des Werberates der deutschen Wirtschaft) beizutreten. Dieser F- Kreis bestand aus sieben Wirtschaftsführern, die sich ab 1933 alle zwei Monate trafen, um die deutsche Industrie in Auslandspropaganda darzustellen. Bei diesen Treffen war niemand anders als Joseph Goebbels anwesend, während die Treffen selber in Max Ilgners Büro abgehalten wurden. Während seiner Arbeit bei der I.G. Farben reiste Ilgner oft nach Schweden; für diese Reisen gab es zwei Gründe: einerseits waren sie geschäftlich, andererseits kam er mit dem Spionring des Naziregimes in Verbindung. Dieser ermöglichte ihm seine Einreise nach Schweden, bei der es zum Beispiel zu Treffen mit den Wallenberg Brüdern kam, den damaligen Leitern der größten schwedischen Bank, der Svenska Enskilda Banken, welche im Krieg viele Finanztransaktionen der Deutschen durchführte. Bei einer dieser Reisen lernte er auch seine Frau Werna Hallström kennen. Nach Kriegsende verurteilte man ihn in Nürnberg zu drei Jahren Haft, die Anklagepunkte waren Plünderung und Raub. Aufgrund seiner langen Untersuchungshaftstrafe musste er seine eigentliche Haft nie antreten.[67]

Wenn man nun weiß, wer dieser Max Ilgner war, kann man sich fragen, wie es kam, dass Birger Forell gerade ihn als Helfer für sein Wirken in Espelkamp aussuchte. Auf der einen Seite sollte man dazu wissen, wie vorurteilslos Birger Forell mit anderen Menschen umging. Eines seiner berühmtesten Zitate entstand auf die Frage hin, wie er mit den deutschen Kriegsgefangenen in den Kriegsgefangenenlagern in England umzugehen gedenke.

"Ich werde jeden einzelnen von ihnen behandeln, als wäre er mein einziger Sohn"[68] , antwortete Forell und zeigte damit eine Eigenschaft, die nur wenige Menschen haben: jedem vergeben und auch jedem helfen zu können, egal wie sehr dieser Mensch ihm vielleicht vorher geschadet hat.

Kann man vielleicht so die Freundschaft zwischen Forell und Ilgner erklären?

Ilgner begann während seiner Zeit im Internierungslager vor seiner Verurteilung Theologie zu studieren. Sah Forell darin Ilgners Versuch, von seiner Vergangenheit Abstand zu nehmen, und gab ihm deshalb eine neue Chance in Espelkamp, um sein Können endlich für eine gute Sache einzusetzen?

Dies wäre eine gute Erklärung, wüsste man nicht, dass Forell und Ilgner sich schon viel früher kennen gelernt hatten und Freunde geworden waren.

Tatsächlich ist es sogar so, dass Forell geradezu bestürzt über Ilgners Verurteilung war, einerseits, weil er ihn zu diesem Zeitpunkt schon für Espelkamp eingeplant hatte, andererseits, weil er scheinbar an dessen Unschuld glaubte.

"Wir hatten ja tatsächlich geglaubt, dass er freigesprochen werden würde. Er ist sicher, dass das Urteil nicht zu Recht besteht und dass bei einer Revision, die schon in Vorbereitung ist, die ganzen Hintergründe und Zusammenhänge aufgerollt werden…"[69] schrieb Forell. Heute ist es nicht mehr nachzuvollziehen, wie Forell zu dieser Einschätzung kam, vielleicht wusste er einfach mehr über das, was Ilgner im Krieg getan hatte.

Dazu kommt auf jeden Fall das Vertrauen, das er ihm entgegengebracht hat. Er schrieb Ilgner in einem Brief: "...ich kann nicht länger meine Gemeinde und meine Familie im Stich lassen. Gleichzeitig muss ich versuchen, hier eine solche Vertretung aufzubauen, dass unsere Hilfsarbeit hier einigermaßen reibungslos weitergeführt werden kann."[70]

Diese Vertretung sollte Ilgner darstellen, dessen Frau schon von Birger Forell als Vorsteherin im Kinderheim Espelkamps eingesetzt wurde. Damit zeigte Forell, wie sehr er an Ilgner und seine Möglichkeiten zum Aufbau der Stadt glaubte, ein Vertrauen, das nicht durch Kritik aus Schweden geschwächt werden konnte. Die Menschen in Borås schienen nicht hinter der Freundschaft zu dem Ex- NSDAP Mitglied Ilgner zu stehen. Die kommunistische Wochenzeitung Borås Folkblad nannte Ilgner "Hitlers Giftgasexperten", weil er für den Konzern gearbeitet hatte, der unter anderem Cyklon B herstellte, ein Gift, mit dem viele Opfer des Holocaust getötet wurden. In dem Evangelischen Hilfswerk sehen die Schreiber dieser Zeitung eine Hilfsorganisation für alte Nazis und Kriegsverbrecher und in Espelkamp einen Ort, in dem alte Nazis in Demokraten nach dem amerikanischen Schnitt umgeschult werden sollten.

Doch keiner dieser Angriffe gegen Forell schmälerte seine Freundschaft, er verteidigte Ilgner weiterhin.[71]

Heute ist es nicht mehr nachvollziehbar, wie viel Schuld Ilgner wirklich trug; allerdings ist es aus unserer Sicht auch viel einfacher, Schuldige zu finden. Ilgner ist sicherlich nicht in den I.G. Farben Konzern gekommen mit dem Vorsatz, einer Firma beizutreten, die Menschenrechte mit den Füßen treten wird, sondern seiner Karriere wegen. Ob er überhaupt noch eine Chance hatte, sich seinen Aufgaben zu entziehen, ohne zum Beispiel sich oder seiner Familie zu schaden, wissen wir nicht, aber es ist unwahrscheinlich.

Was wir wissen ist, dass er nach dem Krieg viel dafür getan hat, seine Schuld wieder gut zu machen. Als Leiter des Planungsbüros für Espelkamp und mit dem Bestreben, Industrie und Arbeitsplätze nach Espelkamp zu holen, ist er einer der Gründungsväter der Stadt Espelkamp.

Genau so sah es auch Birger Forell, als er sagte: "Hier handelt es sich um einen Mann, der in Espelkamps größter Krise - als es um Espelkamps Sein oder Nichtsein ging - durch seine dynamische Tatkraft uns anderen wirklich dazu verholfen hat, dass unsere Hoffnungen und geträumten Pläne Wirklichkeit wurden. Espelkamp kann in seiner jetzigen Gestalt wohl ohne Birger Forells Namen gedacht werden, aber nicht ohne Dr. Max Ilgners Name".[72]

Karten von Werna an den Stadtdirektor

Heute wird an ihn leider nicht mehr viel gedacht; nicht umsonst schrieb Werna Ilgner- Hällstrom in einer Dankeskarte für die Anteilnahme Espelkamps anlässlich Ilgners Tod 1966 in einem persönlichem Wort an den damaligen Espelkamper Bürgermeister: "Zwar wurde inzwischen eine Straße nach ihm benannt, allerdings ist er trotzdem kaum bekannt, gerade in diesem Moment kann man an der Wand eines Chemieklassenraums ein Plakat über die I.G. Farben anschauen, über deren Machenschaften im zweiten Krieg wissen die Schüler Bescheid. Aber über die guten Seiten von einem ihrer Mitarbeiter wird man kein Referat finden."[73]

Wir denken, es wäre in Birger Forells Sinne gewesen, wenn die Menschen und die Chroniken sich mehr Gedanken über Ilgner machen würden, selbst, wenn sie sich kritisch mit ihm beschäftigen.