Bilder von Birger Forell verfremdet

"Mein größter Fehler ist ein Herzfehler:
Ich habe ein zu großes Herz!
Ich will die ganze Welt darin haben und das glückt nicht so recht.
Ora pro mihi!"

Anfang 1944 erhielt Forell einen Brief von Dr. Bell, dem englischen Bischof von Chichester, in dem er gebeten wurde, die Betreuung der deutschen Kriegsgefangenen in englischen Lagern zu übernehmen. Das Ziel war, die Männer, die schließlich wieder nach Deutschland zurückkehren, mit "einer Botschaft der Hoffnung und des Glaubens für die Zukunft zu erreichen"[21] , damit sie ihr Land wieder aufbauen konnten.

Im April 1944 traf Forell in England ein. Er arbeitete mit der Kriegsgefangenenhilfe des YMCA zusammen, der zum Beispiel Bücher, Farben, Schreibutensilien, Noten und Musikinstrumente an die Gefangenen verteilte. Auch Forell zog mit einem Wagen voller Musikinstrumente durch England und sah rasch, dass die Lager völlig überfüllt waren, dabei war ein Ende der Zunahme nicht abzusehen, da der Krieg sich dem Ende zuneigte.

Forell sagte über eine solcher Fahrten:

"Binnen einer halben Stunde hatte ich ein kleines Orchester beisammen. Meine paar Bibeln wurden mir buchstäblich aus den Händen gerissen. Hier besteht wirklich die Chance, eine ‚Heidenmission' zu betreiben. Landsleute, erwachet und sehet! Das kann eure große Gelegenheit sein."[22][23]

Hauptsächlich machte er aber Rundreisen durch die verschiedenen Camps in England. 2-3 Mal pro Woche hielt er Gottesdienste (samstags, sonntags und teilweise mittwochs) und Reden. Er übernachtete in Hotels oder im Zug und kam nach ungefähr einem Monat wieder am Ausgangspunkt seiner Reise an.[24]

Zu Beginn seiner Zeit in England war es noch relativ einfach, mit den Kriegsgefangenen in Kontakt zu kommen und mit ihnen Gottesdienste zu feiern. Je länger sie sich in jedoch in Kriegsgefangenschaft befanden, desto gespannter wurde das Verhältnis, da die Männer, die nicht nach Hause durften, teilweise kein Zuhause mehr hatten und oft nichts von ihren Familien gehört hatten, so verbittert waren, dass sie nichts mehr von Gott und der Kirche wissen wollten.

1948, als schließlich die letzten Kriegsgefangenen nach Deutschland zurückkehrten, endete auch Forells Zeit in England.

NORTON CAMP

1945 gründeten Birger Forell und John Barwick (der Direktor der Kriegsgefangenenhilfe der YMCA) das Norton Camp, ein Studienlager in der Grafschaft Notthinghamshire, in dem die deutschen Kriegsgefangenen ihr Abitur nachholen sowie Theologie und Pädagogik studieren konnten.

Das Lager sollte zum einen dazu dienen, ‚Nachwuchs' für die Evangelische Kirche in Deutschland auszubilden für die Zeit nach der Kriegsgefangenschaft, und zum anderen dafür sorgen, dass Laien und Menschen, die bereits eine gewisse Vorbildung besaßen, nach einer zeitlich begrenzten Ausbildung ebenfalls in der Lagerseelsorge in England arbeiten konnten, damit jedes Lager seinen eigenen Seelsorger erhielt.[25]

Kurz vor der Gründung des Studienlagers ging Forell nach London, um mit dem Kriegsministerium einige Probleme zu klären. Er wollte zum Beispiel zusammen mit J. Barwick erreichen, dass die britischen Kirchen einen Teil der Kosten übernahmen, was jedoch scheiterte.

Am 14. Juni 1945 konnte Forell zum ersten Mal das Lager 174, das als Studienlager ausgewählt worden war, betreten. Etwa 500 Offiziere wurden in andere Lager verlegt, um Platz für die Theologen und Pädagogen zu machen.[26]

Obwohl es schwierig war, Dozenten zu finden, da sie, genauso wie die Studenten, auf ihre Eignung und politische Zuverlässigkeit geprüft werden mussten, und zum Beispiel noch am 1. August 1945 ein Professor für Griechisch und Latein fehlte, konnte Norton Camp am 16. August mit einem Gottesdienst eröffnet werden, das Motto des Studienlagers lautete: Fide non armis (Durch Glaubenskraft und nicht durch Waffengewalt).

Das Camp bestand aus Wellblechbaracken, die gleichmäßig um einen Sportplatz angeordnet waren, alles umschlossen von einem hohen Stacheldrahtzaun. In den Hütten waren sowohl Unterrichts- als auch Schlafräume für die Studenten. Sie waren dort mit einem ihnen zugeteilten Dozenten untergebracht.[27]

Die Bedingungen in Norton Camp waren für die Studierenden sehr günstig. Sie mussten nicht (wie in anderen Lagern) für die Engländer arbeiten, das Camp besaß eine für die herrschenden Verhältnisse große Bibliothek theologischer Schriften. Die Lehrer waren deutsche Universitätsdozenten oder Pfarrer mit wissenschaftlicher Erfahrung. Zudem kamen viele ‚Gastdozenten' nach Norton Camp, Besucher von Kirchen aus Deutschland, wie zum Beispiel Kardinal Frings aus Köln oder Otto Dibelius.[28]

Bereits 1946 wurden erste Theologiestudenten für begrenzte Zeit als Lagerpfarrer auf sogenannte ‚Apostelreisen' geschickt, um mehr Camps betreuen zu können, vor allem, da die Stimmung unter den Kriegsgefangenen, die wieder zurück in ihre Heimat wollten, immer schlechter wurde.

Im April 1948 wurden nacheinander die verschiedenen Abteilungen Norton Camps geschlossen, da die Kriegsgefangenen wieder zurück nach Deutschland überstellt wurden, die Theologische Schule schloss ihre Pforten jedoch erst am 22. Juni.

Viele Nortonen blieben bis zu ihrem Tod auch in Deutschland weiter miteinander in Kontakt.[29]