Bilder von Birger Forell verfremdet

"Mein größter Fehler ist ein Herzfehler:
Ich habe ein zu großes Herz!
Ich will die ganze Welt darin haben und das glückt nicht so recht.
Ora pro mihi!"

Gegen Ende 1950 zeichnete sich eine neue Entwicklung in der Flüchtlingshilfe Forells ab: Durch die finanzielle Absicherung einiger Kirchenältester weitgehend unabhängig geworden, konnte Forell im Auftrag der schwedischen Kirchenhilfe weiter gegen das Flüchtlingselend in Deutschland angehen. H ierbei traf er in Schleswig-Holstein auf ein ganz neues Problem, er selbst schrieb dazu:
"In einem Lager mit 700 Menschen gibt es 90% Bauern, und davon sind 70% arbeitslos. Sie haben sieben Jahre vergeblich gewartet, dass etwas geschieht. Vom Staat werden sie soweit unterstützt, dass sie ihr Essen kaufen können, aber es reicht weder für Wäsche noch für Schuhe. In vielen Lagern trifft man auf diese Situation."[32]

Flüchtlinge

Von rund 250 000 Flüchtlingsbauern lebte ein Fünftel in Schleswig-Holstein, von denen allerdings nur 5000 bereits wieder angesiedelt werden konnten. Die Flüchtlinge waren inzwischen so ungeduldig, dass viele an einen Demonstrationsmarsch in die französische Zone dachten. Dabei gab es theoretisch genug freies Land; in Schleswig-Holstein beispielsweise gab es noch genug guten Boden, um etwa 200 Bauern darauf unterzubringen. Doch wieder einmal fehlte es an Mitteln. Forell zufolge hätte man 40 000 DM benötigt, um einem Siedler zu einem Neuanfang zu verhelfen, wobei 10% von den Betreffenden selbst hätten aufgebracht werden müssen.[33] Deshalb begann er im Dezember 1950, sich bei den schwedischen Bauern dafür einzusetzen, diese Summe, die die Deutschen nicht aufbringen konnten, zu spenden. 32 Bauen erklärten sich sogar bereit, von Schweden nach Deutschland zu kommen, um sich dort vor Ort die Lage anzusehen und Siedlungsmöglichkeiten auszusuchen, für die dann Patenschaften übernommen werden konnten.

Doch die Bauernführer waren noch skeptisch, sie wollten zuerst wissen, wie Forells Idee in Deutschland aufgenommen wird.[34] Da verhielten sich die Menschen bei Weitem nicht so solidarisch: Abgesehen von der Bereitschaft einzelner tat sich hierzulande nicht viel, jegliche Hilfe musste erst mühselig von oben verordnet werden.[35]

Ein weiteres Hindernis stellte ausgerechnet das Evangelische Hilfswerk in Deutschland dar, das sich in seiner eigenen Hilfe gestört fühlte. Die bürokratische Organisation sah in dem Schweden, der scheinbar ohne jedes Anzeichen von Eigennutz in ihren Aufgabenbereich eindrang, einen Störenfried. Doch anstatt sich davon abschrecken zu lassen, stürzte sich Birger Forell nur noch mehr in seine Arbeit. Über Vorträge und Predigten versuchte er in Schweden weiter Geld zu sammeln, was sich allerdings als ausgesprochen schwierig herausstellte, da es oft nur kleine Beträge waren, die gegeben wurden.[36]

Er selbst schrieb dazu: "Die Selbstgenügsamkeit, die sich auch bei uns breit macht, kann man doch zerschlagen, wenn man in richtiger Form die Wirklichkeit des Flüchtlingsdaseins schildert"[37], und kam somit letztendlich auf etwa 6000 Kronen und zahlreiche Versprechen, weiterhin Sammelaktionen durchzuführen. Schließlich wurden durch freiwillige Landabgaben und Verkäufe zur Bezahlung von Lastenausgleichsabgaben diverse Güter in Schleswig Holstein frei. Hier sollten nach der Vorlage Espelkamps die Flüchtlinge angesiedelt werden. Arbeitsgemeinschaften wurden gegründet, deren Ziel es war, die Bauern bei Problemen zu unterstützen. Hierfür standen nicht nur die Geldmittel aus Schweden zur Verfügung, sondern auch Sachspenden in Form von Maschinen und Geräten.[38]

Um den Flüchtlingsbauern jedoch effektiv helfen zu können, wurde es bald notwendig, die Arbeit auch auf die anderen Bundesländer auszudehnen. Wieder standen Forell hierbei die Hilfsorganisationen der einzelnen Länder im Weg, die nicht miteinander im Verbund standen und von denen jeder sorgfältig über seinen Aufgabenbereich wachte.

Daher gründete er im Dezember 1952 zusammen mit einigen Freunden die "Deutsch-Schwedische-Flüchtlingshilfe", deren Ziel es fortan war, die großen Flächen an Ödland überall in Deutschland und die unzähligen Höfe, deren Erben im Krieg gefallen waren, an die rund 320 000 Bauernfamilien zu verteilen, von denen erst etwa 12% vermittelt werden konnten.[39][40]

Dies stellte sich als schwieriges Unterfangen heraus, zumal die Flüchtlingshilfe nur Unterstützung bieten sollte, und das möglichst unbürokratisch. Dieses Konzept zeigte sich beispielsweise in der Investition der Spende der Stockholmer Regierung, von der 72 schwedische Holzhäuser gekauft wurden, die aber erst von den Flüchtlingsbauern selbst errichtet werden mussten.[41]

Forell und zwei sogenannte "Landsucher" zogen ab 1953 von Dorf zu Dorf, um freies Land ausfindig zu machen oder Bauern dazu zu bewegen, etwas von ihrem Boden abzugeben. In Rheinland-Pfalz wandte er sich sogar an den Ministerpräsidenten Altmeier, der daraufhin eine Vergabe von genug gutem Boden für etwa 40 Holzhäuser erwirken konnte.[42] Ansonsten fiel die Unterstützung in Deutschland eher spärlich aus, der Großteil der Spenden hier stammte wiederum von schwedischen Firmen. Hilfe fand Forell dafür vor allem bei den schwedischen Bauern, die in Landverbänden organisiert waren und von denen er nach und nach 19 von 26 für seine Sache gewinnen konnte. Einige hunderttausend Kronen kamen durch sie zusammen. Oft wurden sie dafür nach Deutschland eingeladen, damit Forell sie durch die Flüchtlingssiedlungen führen konnte und die Kontakte zwischen deutschen und schwedischen Bauern nachhaltig geknüpft werden konnten.[43] Seine Arbeit bezog sich dabei allerdings nur auf Westdeutschland, wo 1956 beispielsweise 351 Bauernfamilien geholfen werden konnte. Mit Schrecken beobachtete er die Enteignung der ostdeutschen Großgrundbesitzer in der DDR.

Bereits anderthalb Jahre nach dem Tod Birger Forells stellte die "Deutsch-Schwedische-Flüchtlingshilfe" ihre Arbeit ein. Doch der Wirtschaftsaufschwung in Westdeutschland hatte auch den Landwirten einige Erleichterungen verschafft und im Oktober 1960 gründete die Evangelische Kirche in Deutschland die "Birger-Forell-Stiftung", die sich weiterhin um die Flüchtlingsbauern kümmerte - als Forells Vermächtnis den Deutschen gegenüber.[44]