Zuerst einmal müssen wir die Frage klären, warum Birger Forell sich so für die Deutschen einsetzte.
Zum einen hatte Forell dieses Land in seiner Studienzeit und als schwedischer Pastor in Berlin lieben gelernt, zum anderen sah er das große Leid der Bevölkerung. Von 1943-1948 war er für die Betreuung der deutschen Kriegsgefangenen in England zuständig, von denen viele aus den ehemals deutschen Gebieten wie etwa Ostpreußen oder dem Sudetenland stammten und nicht wussten, wohin sie nach dem Krieg sollten, da es ihnen verboten war, nach Hause zurückzukehren. Seine erste Reise ins Nachkriegsdeutschland unternahm Forell im Herbst 1945; dabei durchreiste er vor allem große Städte des Ruhrgebiets. Er sah die Zerstörung und das Leid der Menschen, die alles verloren hatten, und überall Flüchtlinge. Nach einem Gespräch mit dem Pastor von Bethel, der ihm die Not der vielen Vertriebenen, die die Russen heimschickten, schilderte, war Forell mehr denn je überzeugt, gerade in Anbetracht des nahenden Winters, dass dringend Hilfe kommen musste.
Allerdings glaubte er, dass das, was normale kirchliche Fürsorge bedeutete, nicht ausreichen würde. Jedoch war es schwer für die Deutschen, selbst etwas für die Flüchtlinge zu erreichen, das Fraternisierungsverbot verhinderte die Kommunikation mit den Besatzungsmächten. Die einzige Organisation, die nicht ausgelöscht wurde, war die Kirche. Auf ihr lastete nun eine schwere Verantwortung. Sie gründete ein Hilfswerk, mit dem Forell von Anfang an verbunden war, da der Gedanke von Hilfe zur Selbsthilfe seinem eigenen entsprach. Im Dezember 1946 sah er Espelkamp zum ersten Mal und war fasziniert.[46]
Er erfuhr von dessen Existenz in einem der Kriegsgefangenenlager in England, als darüber diskutiert wurde, wohin es nach dem Ende des Krieges gehen sollte, wenn der Weg zur Heimat versperrt war. Ein Mann erzählte ihm von Espelkamp, einer im Wald liegenden Munitionsanstalt, die unzerstört geblieben war, da sie so versteckt lag. Das Gebiet umfasste tausend Morgen, hatte Straßen, Gleisanlagen, Fabrikhallen (in denen Granaten mit Giftgas gefüllt worden waren), kleinere Häuser (die zur Lagerung gedient hatten), außerdem zwei Lager: die Kolonie und das Reichsarbeitsdienstlager Hedrichsdorf, welches zur Unterbringung der Arbeiter gedient hatte. Insgesamt waren es 160 Gebäude. In Forell wuchs die Idee, hier eine neue Heimat für all die Flüchtlinge, Notleidenden und heimkehrenden Kriegsgefangenen zu schaffen, alles im Rahmen des Kirchenhilfswerkes. Seine Vorstellung von einer Verbindung von Wohnung und Arbeit war völlig neu.[47]
Allerdings gab es Probleme, denn aufgrund des Entmilitarisierungsbeschlusses war Espelkamp in Gefahr, beseitigt zu werden. Außerdem meldeten noch andere, wie z.B. der Kreis Lübbecke, Interesse an dem Gelände an.[48]
Da die Region Minden-Lübbecke beinahe unzerstört geblieben war, lockte es die Flüchtlinge aus dem Osten in Scharen an. Bald waren alle Wohnräume verbraucht, umso mehr da in Bünde auch noch ein Hauptsitz der Militärregierung aus England war. Deshalb wurden auch die Lager in Espelkamp schnell von Flüchtlingen bezogen, die Hallen wurden vom Militär streng bewacht und waren für Deutsche nicht zugänglich.[49]
Frau Baronin von Bussche, die Frau des ehemaligen Besitzers von Espelkamp, und eine Frau eines englischen Majors, die Quartier im Schloss bezogen hatten, nahmen sich der Kinder im Barackenlager an und verteilten trotz Verbotes Kleider- und Nahrungsspenden aus England. Daraus entstand im Juli 1946 ein Kinderheim unter der Leitung von Gräfin Rittberg, einem Flüchtling aus Schlesien. Der Streit um die Nutzung der Gebiete vom Hilfswerk zog sich über Monate hin, immer mehr Leute erhoben Anspruch.[50]
Forell sprach den Helfenden Mut zu, in ihm reifte bereits eine Idee, was mit Espelkamp geschehen könnte: "Ich habe einen Riesenplan in meinem Kopf in Verbindung mit dem evangelischem Hilfswerk. Man könnte Flüchtlinge und Heimkehrer, besonders die jungen Leute dort unterbringen, die Eltern und Heimat verloren haben. Wir könnten eine ganze Ortschaft oder eine Gruppe von Handwerkern und Arbeitern dort ansiedeln aus dem verlorenen Osten, Heimkehrer, die einen festen Beruf haben, könnten da wohnen oder junge Menschen, die umgeschult werden müssen. Ich versuche, Unterstützung für diesen Plan zu bekommen"[51]. Er hatte gesehen, wie die Gefangenen in England aus nichts etwas gemacht hatten und war überzeugt von dem Lebenswillen der Deutschen.
Als er Ende April 1947 zur Durchreise nach England für vier Wochen wieder in Deutschland war, stand sein Plan fest: er wollte in Espelkamp eine Siedlung für ungefähr 5000 Menschen schaffen. Er suchte Unterstützung in Schweden, da er das Projekt alleine nicht finanzieren konnte. Außerdem versuchte er, die Industrie einzubinden, sprach mit einflussreichen Leuten und Zuständigen, die er zum Teil aus England kannte, und begeisterte sie für seinen Plan.[52]
Durch seine Kontakte erreichte er ein Treffen mit dem Oberkommandanten der britischen Zone, General Bishop. Durch Forells Zugehörigkeit zu einem neutralen Land und seine Verdienste standen ihm mehr Türen offen. Der General war überraschenderweise sofort überzeugt und versprach, die Sache schnell in Angriff zu nehmen. Was in monatelangen Verhandlungen nicht erreicht worden war, schaffte Forell auf Anhieb. Es mag daran liegen, dass er sich sofort an die Obrigkeit gewendet hatte, daran, dass er durch seine Verdienste schon deren Sympathie gewonnen hatte, oder an seinem überzeugenderen Plan.[53]
Im April 1947 fanden die ersten Landtagswahlen statt und die Landesverwaltung wurde der neuen Regierung überlassen. So blieb das Schicksal Espelkamps ungewiss, denn es wurde nur unter der vagen Bemerkung freigegeben, dass es begrüßt werden würde, wenn es in den Händen des Hilfswerks bliebe. Des Weiteren schwebte immer noch die Gefahr des Sprengungsbefehls über dem Lager.
Im Juli kam Forell wieder nach Deutschland und wollte die Dinge so schnell wie möglich vorantreiben. In England hatte er die Erwartungen der Gefangenen erlebt und wollte vor allem für die Jugend ohne Heimat, Familie und Arbeit etwas schaffen. Er wollte aus Espelkamp ein Vorbildprojekt machen. Es war ihm bewusst, dass es nicht das ganze Problem lösen konnte, es sollte ein Beispiel sein, dem andere folgen sollten.[54]
Nun holte er sich auch vor allem Freunde aus der Industrie, die er aus seiner Berliner Zeit kannte, zur Hilfe. Allerdings standen seine Pläne im Gegensatz zum anderen Mitglied des Hilfswerks, Pastor Pawlowski, dessen Plan ihm zu sehr nach Anstalt klang. Forell kehrte nach England zurück, mit dem Bewusstsein, dass noch viel Arbeit vor ihm lag.
Bald stellte sich heraus, dass die schriftliche Zusage der Freigabe noch gar nicht erfolgt war, und wieder entbrannte ein Kampf um die Frage der Nutzung des Gebietes (z.B. als Lager der Industrie).[55]
Am 10.06.1947 traf ein Trupp von Hilfskräften ein, doch das Finanzamt Lübbecke, das mit der Bewachung der Hallen betraut war, seit die Engländer abgezogen wurden, verweigerte die Übergabe. Erst eine direkte Anweisung aus England verschaffte den Zugang.[56]
Im September kam dann doch der gefürchtete Befehl zur Demontage. General Bishop zögerte allerdings den Befehl auszuführen; er wollte den Kontrollrat abwarten. Es wurde der Beschluss gefasst, aufgrund der guten Arbeit des Hilfswerks einige Teile zu erhalten. Im Herbst 1947 wurde der Munitionsbunker gesprengt.[57]
Langsam aber sicher kam immer mehr Bewegung nach Espelkamp. Im August trafen die ersten Kriegsgefangenen aus England ein, die Forell neben den hungernden Kindern besonders am Herzen lagen. Er wollte die Kinderheime fördern und eine Einreiseerlaubnis nach Schweden erreichen, um einige Kinder dort unterzubringen. Espelkamp sollte eine Art Übergangsort sein. Also versuchte er, die Boråser für dieses Projekt zu gewinnen. Sie sollten Patenschaften übernehmen, damit für Verpflegung und Unterbringung gesorgt werden konnte. Er versuchte alles Notwendige zu organisieren, egal worum es sich auch handeln mochte.[58]
Im März 1948 machte er ein eigenes Büro auf, in dem seine Sekretärin Esther viele seiner zahlreichen Aufgaben und Bitten koordinierte. Forell war ein "gründlicher Bettler für seine Schutzbefohlenen", und ließ keinen Kontakt aus, um etwas zu bekommen. Trotz seiner zahlreichen Bitt- und Dankesbriefe versuchte er, alle zu beantworten. Obwohl Espelkamp nicht sein einziges Projekt war, hörte er jedem Notleidenden zu und versuchte eine Lösung zu finden. Sein Verantwortungsbewusstsein trieb ihn voran und er versuchte, auch in England etwas zu erreichen.[59]
Währenddessen spitzten sich die Kämpfe um Espelkamp immer mehr zu, jeder schien zu meinen, irgendeinen Anspruch auf dieses Gebiet zu haben. Doch durch die vielen Schilderungen seiner Vorstellungen und Ideen für Espelkamp, sowohl im Ausland wie auch in der Ökumene, hatte er das Interesse vieler Personen an diesem Projekt gewonnen.
Die Wiederaufbauabteilung des Weltkirchenrates hatte sich nach Forells Vortrag Espelkamps angenommen. Forell nutzte dies wie einen Schutzmantel gegen Angriffe auf die Verwendung von Espelkamp. Das erreichte internationale Interesse ließ die Militärregierung andere Bittstellungen ablehnen, wobei auch der Name Forell eine Rolle gespielt haben dürfte.
Seine industriellen Freunde, die er aus Schweden und Deutschland für Espelkamp begeistern wollte, hatten Vertrauen in ihn und hielten trotz aller Widerstände an ihrer Hilfe fest.
Da Forell sich ständig um Lösungen bemühte, konnte das Zentralbüro des Hilfswerks in Stuttgart das Projekt nicht mehr geringschätzig abtun und schaltete sich auf das Drängen von Forell nun auch ein.
Die Währungsreform 1948 mit der Einführung der DM war ein weiterer Einbruch, da Helfer entlassen werden mussten und viel Geld verloren ging; jedoch wurde die Arbeit nicht abgebrochen. Forells Industriepläne sollten verfolgt werden. Sein Hauptgedanke war es immer noch, den "Heimatlosen eine neue Heimat zu geben".[60]
Bald wurde eine Schule für "Spätrückgeführte" gegründet, um die Menschen zu fördern, die oft nicht einmal mehr die deutsche Sprache beherrschten.
Birger Forell kehrte zurück nach Schweden, er fand, er habe seine Gemeinde und Familie lange genug allein gelassen. Jedoch half er weiter aus Schweden, besonders im Bereich der Industrie mit seinem Freund Max Ilgner. Erst im Oktober startete die "offizielle" Geschichte Espelkamps, denn der Staat schaltete sich ein. Nun war endlich das Geld da, um richtig zu helfen: die "Aufbaugemeinschaft" gründete sich.[61]
In Schweden nutzte Forell jede Gelegenheit, um über Espelkamp zu sprechen, hielt Vorträge, machte Sammlungen und reagierte auf jegliche Bittbriefe. Er hatte schon 1944 mit seiner Frau das "Komitee für christliche Nachkriegshilfe" gegründet, welches sich nun verstärkt für Espelkamp engagierte. Unter anderem besserten bis zu 50 Frauen gespendete Kleidung aus, sortierten Schuhe, es wurden außerdem Nähmaschinen für die Frauen in Espelkamp organisiert. Dazu kamen noch Lebensmittelspenden und Geldbeträge. Mit der Zeit wurde es allerdings immer schwieriger, da die Begeisterung für diese Arbeit nicht lange anhielt.[62]
Forell trieb die Freude an der positiven Entwicklung voran. Seine Hilfe zur Selbsthilfe durch Schaffung von Arbeitsplätzen schien zu funktionieren: "Du wärst genauso glücklich wie ich, wenn du sehen könntest, was unsere deutschen Freunde aus ‚unserem' Espelkamp gemacht haben. Dort wohnen jetzt ungefähr 2000 Flüchtlinge und Heimkehrer, die dort ihr Heim gefunden haben, und über 1000 mit festen Arbeitsplätzen in Fabriken und Werkstätten. Weitere werden folgen. Wir hoffen, bis Ende 1951 3000 Menschen dort untergebracht zu haben. ‚Es hat sich gelohnt für Espelkamp zu arbeiten', sagen die Leute, und ich stimme ihnen zu"[63].
Ein ständiger Fluss von enormen Spenden kam aus Schweden und es wurden viele Gebäude finanziert (z. B. das Schwedenhaus und ein Kindergarten).
Im März 1955 fand die Synode der evangelischen Kirche Deutschlands in Espelkamp statt, was Forell besonders stolz machte. Er erhielt das "Große Verdienstkreuz" der BRD für seinen Einsatz in der Flüchtlingshilfe und war darüber wiederum ganz verlegen, es sei ihm "fast peinlich"[64].
Im Sommer 1958 war er das letzte Mal in Espelkamp. Auf dem Weg nach Paris machte ein berühmter Chor aus Stockholm auch in Espelkamp Halt, da sie unbedingt sehen wollten, wovon sie bereits so viel gehört hatten. Als sie eine Führung bekamen, ernannten sie ihren Landsmann, den "Vater Espelkamps", voller Stolz zum Ehrenmitglied. Es stellte sich heraus, dass Forell bereits in der Studienzeit beitreten wollte, es ihm aber durch Geldmangel und die vielen Reisen nicht möglich war. Ein Wunsch ging in Erfüllung. Begeistert sang er mit.[65]
Am 4. Juli 1958 starb er an einem Herzinfarkt im Krankenhaus in Boras. Die Stadt schrieb auf seinen Grabstein:
"Ihrem Gründervater in Dankbarkeit - Die Flüchtlingsstadt Espelkamp"[66]